Ästhetik als Ethik
Das Schöne als Therapeutikum

Der Diskurs über das Schöne ist gegenwärtig mit mehreren Vorurteilen belastet. Erstens wird argumentiert: da Schönheit im Auge des Betrachters liegt und subjektiv ist, lässt sich durch die ästhetische Erfahrung keine allgemeingültige Erkenntnis gewinnen. Zweitens wird darauf verwiesen, dass sich Schönheitsideale im Laufe der Geschichte verändern und z. B. die Modelle der Barockzeit (siehe: Rubens) sich erheblich von den heutigen Laufstegmodels unterscheiden. Was schön ist, so wird geschlossen, ist subjektiv und historisch relativ. Drittens wird behauptet, Schönheitsideale hätten etwas Terroristisches, denn all jene, die nicht in das Idealbild fallen, werden indirekt durch den vergleichenden Blick auf das Ideal diskriminiert und abgewertet. Viertens, wird schließlich geschlossen, werde man durch die Beschäftigung mit dem Schönen geblendet, diese lenke nur vom Übel und den Missständen der Gegenwart ab, es sei sogar in einem gewissen Sinn unethisch sich angesichts des Schrecklichen und des Elends in der Welt mit dem Schönen zu beschäftigen.

Die vier Argumente stimmen unter der Prämisse der neuzeitlichen Subjektphilosophie, die das Schöne vom Menschen her denkt. Von der hermeneutischen Phänomenologie z. B. Heideggers (1936/37) aus muss man der Gegenwart die Diagnose Schönheitsvergessenheit (Poltrum 2005), Marginalisierung (Pöltner 2008) und Subjektivierung des Schönen (Gadamer 1960) vorhalten. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass in der Antike und im Mittelalter das Schöne und die Kunst nicht ästhetisch sondern metaphysisch verortet wurden und damit auch keine Trennung zwischen Ethik und Ästhetik gemacht wurde. Das Wunder des Schönen, so könnte man für den Bereich der Psychotherapie übersetzen, heilt die verwundete Seele.

Durch die phänomenologische Explikation dessen, was durch das Ereignis des Schönen erfahrbar wird, soll im Vortrag u. a. durch die Illustration einer Szene aus dem Film „American Beauty“ (Sem Mendes 1999) die These verfolgt werden, dass das Schöne das Therapeutikum schlechthin darstellt. Psychotherapie hat, immer dann wenn sie wirkt, etwas mit der Erfahrung des Schönen zu tun, auch wenn dies in den bisherigen Psychotherapiediskursen unterbestimmt und unreflektiert geblieben ist.

 

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